Konflikte beim Erben: Wenn’s nicht um Geld, sondern um Gefühle geht

Erben kann ganz schön kompliziert werden.

Dann nämlich, wenn alte Gräben sichtbar werden, verletzte Gefühle aus der Kindheit aufpoppen oder verschüttete Emotionen hochkochen. All das tickt wie eine Zeitbombe – erst leise und kaum spürbar, meist jahrelang und gut verborgen –, um genau dann zu explodieren,  wenn eigentlich Zusammenhalt gefragt wäre: wenn ein geliebter Mensch stirbt und die Familie zusammenrücken sollte. Stattdessen verhärten sich die Fronten, driften Geschwister, Cousinen, Halbbrüder auseinander, weil Gefühle einfach stärker werden als Fakten.

Und genau das ist der Punkt: In den seltensten Fällen geht es beim Erben nur ums Geld. Es geht ums Prinzip. Um Gerechtigkeit. Um die Frage: Wurde ich gesehen? Wurde ich geliebt?

Ein Fall. Zwei Geschwister. Und vier Lösungen.

Lina und Sebastian haben gerade ihre Eltern verloren. Zurück bleibt ein altes, charmantes Haus am Stadtrand – vollgestopft mit Erinnerungen, Möbeln und Meinungen. Im Testament steht, dass das Haus idealerweise fünf Jahre lang nicht verkauft werden soll. Kein Muss – nur ein Wunsch der Eltern.

Lina sieht das nüchtern: Das Haus zu verkaufen wäre sinnvoll. Der Markt ist gut, das Geld könnte arbeiten. Sie könnte investieren, ein Projekt starten – so, wie sie es schon lange vorhat.

Sebastian blockt ab. Für ihn ist das Haus mehr als eine Immobilie. Es ist der letzte Anker zur Vergangenheit. Eine Art lebendiges Denkmal für die Eltern. Und: Es ist der einzige Punkt, an dem er jetzt mal bestimmen kann.

Der Streit eskaliert. Und obwohl klar ist, dass ein Verkauf keine wirkliche Pflichtverletzung wäre, lässt sich Sebastian nicht umstimmen. Er will das Haus in jedem Fall behalten. Die Frage ist, warum?

Die Antwort ist klar: Für Sebastian geht es nicht nur um das Haus, sondern um das, was es für ihn symbolisiert.

Konflikte lösen – aber bitte mit Gefühl.

In Fällen wie diesen helfen keine Paragraphen. Keine Checklisten. Keine klugen Belehrungen. Was dagegen hilft: ein Perspektivwechsel. Und der beginnt bei der Frage nach dem Warum und der Suche nach dem, was wirklich dahintersteckt. Ein Patenrezept habe ich für einen solchen Konflikt nicht parat. Wohl aber einen Lösungsansatz in vier Schritten.

Hier kommt er:

1. Kämpfen Sie nicht gegen Meinungen – kämpfen Sie gegen eine Verhärtung der Fronten

Statt zu sagen: „Siehst Du nicht, dass Du auf dem falschen Weg bist?“, könnte Lina zu ihrem Bruder sagen:

„Was ist dir an Mamas Wunsch besonders wichtig? Und was würde es für dich bedeuten, wenn wir diesen Wunsch nicht erfüllen, sondern unseren eigenen Weg gehen?“

So schaffen Sie Raum für eine ehrliche Antwort und vermeiden den Konflikt.

2. Auf die Meta-Ebene wechseln

Wenn sich das Gespräch immer wieder im Kreis dreht, hilft der Wechsel auf eine andere Ebene. Lisa könnte in einer solchen festgefahrenen Diskussion diesen Ausweg bieten:

„Ich habe das Gefühl, wir drehen uns fest. Vielleicht geht es gar nicht nur um das Haus. Vielleicht geht es Dir ja um viel mehr. Was geht Dir durch den Kopf, wenn wir über dieses Thema sprechen?“

Sie bietet Sebastian damit einen Weg, der das Problem auf eine andere Eben hebt. Außerdem signalisiert sie damit Verständnis und sorgt für Distanz zum eigentlichen Problem – und Nähe zueinander.

3. Empathie statt Konfrontation

Auch Emotionalität kann helfen. Lisa könnte sagen:

„Ich sehe, wie sehr dir das Haus am Herzen liegt. Ich will dich nicht übergehen. Bitte hilf mir zu verstehen, warum du das so siehst.“

Eine Spiegelung, die kein Rückzieher, sondern ein Türöffner ist. Sebastian fühlt sich gesehen. Er muss sich nicht mehr verteidigen, weil Lisa ihm signalisiert: Ich verstehe Deine Perspektive – Du musst sie nicht mehr verteidigen.

4. Den Rahmen erweitern

Denn am Ende geht es nicht darum, wer Recht hat, sondern wie man gemeinsam weiterkommt. Lina könnte vorschlagen:

„Wollen wir zusammen nach einer Lösung suchen, mit der wir beide leben können – vielleicht mit einer neutralen Begleitung?“

Das nimmt den Druck raus und schafft Vertrauen.

Ich höre Ihren Einwand: Und wenn all das nichts hilft?

Dann gilt: Akzeptieren Sie, dass sich manche Konflikte nicht auflösen lassen – jedenfalls nicht sofort. Manchmal braucht es Abstand, professionelle Hilfe oder – wenn gar nichts mehr hilft – leider auch gerichtliche Unterstützung. Wichtig ist: Wer früh erkennt, dass es nicht nur ums Geld geht, kann deeskalieren, bevor es knallt. Denn am Ende verlieren sonst alle – Geld, Nerven, Familienbande.

Gedanken zum Mitnehmen:

Beim Erben begegnen wir oft unserer Vergangenheit. Treten als Kinder der Familie und  nicht als Erwachsene mit kühlem Kopf in alte Fußspuren, verfallen in alte, längst vergessenen Verhaltensmuster. Wenn wir das erkennen – und vor allem mutig benennen – können wir Konflikte nicht nur lösen, sondern Beziehungen retten.

Und das ist am Ende oft wertvoller als jedes Haus der Welt.

Bleiben Sie mir gewogen,
Ihre Ira Kröswang

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